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Made in Denkfabrik

Seit einigen Wochen überbieten sich einige Politiker in ihrem Verständnis für die protestierenden Studenten. „Gabriel, der Studentenversteher“ titelte die ZEIT und Schavan bekam den oppositionellen Zorn ihrer Kollegen zu spüren , als sie einigen Studenten völlig zu Recht vorwarf die Proteste für Vandalismus zu nutzen. Auch die großen Wochenblätter fühlten sich einstimmig berufen, den Ruf der Studenten aufzunehmen und sich recht unkritisch damit selbstgerecht in Pose zu rücken. „Nehmt sie ernst! forderte die ZEIT ohne sich der studentischen Forderungen wirklich ernsthaft – und differenziert – anzunehmen und „So geistvoll wie die Rechtschreibreform“  ließ die FAZ den Bachelor durch die Zwischenprüfung rasseln. Einstimmig der Chor derer, die ja eigentlich schon immer dagegen gewesen sind.

In jedem Gesangsverein gibt es Stimmen, die stärker sind als andere und solche, die man gelegentlich überhört. So auch jene, denen es nicht in erster Linie um neues, milliardenschweres Geld geht. Jene, die eher die Berührung mit dem ganz großen Geld scheuen. Insbesondere in den Geisteswissenschaften gibt es ein unwohliges Gemurmel darüber, dass Universitäten seit einiger Zeit offiziell Firmen sind und Studenten de jure Angestellte. Die 39-Stundenwoche verlangen die Kultusminister. Ein Narr, der darin nicht Tarifverhandlungen wieder entdeckt. Die Universität verkommt in ihrem Selbstverständnis zur Denkfabrik. Offiziell leitet ein Vorstand die Firma, wenngleich der Gesetzestext Rücksicht auf sentimentale Gefühle nehmen will und anstelle von Aufsichtsrat und Vorstand “hochschulspezifische Bezeichnung[en]” erlaubt.

Die Bolognareform mag in einigen Punkten korrigiert werden. Bleiben wird der unterschwellige Gedanke, dass an Universitäten der Rohstoff Gehirn zu Gedanken umgewandelt wird, um dann in möglichst effizienter Art und Weise in Hausarbeiten, Klausuren und Zwischenprüfungen veredelt zu werden. Produzierendes Gewerbe, das nach marktliberalen Prinzipien funktioniert.

Angebot. Nachfrage?

Das Primat der Ökonomie schleicht sich in unser Denken, was im Übrigen nicht schon wieder eine vernichtende Kapitalismuskritik ist … vielmehr eine traurige Bestandsaufnahme. Studieren soll produktiv sein, soll rasch vorüber sein. Das Wort „Regelstudienzeit“ ist in aller Munde und das die angestrebte durchschnittliche Semesterzahl beinahe erreicht sei. Die Seele der Studenten ist weidwund zwischen der Furcht abgehängt zu werden und dem Wunsch der eigenen Passion auch mal ohne das Credit-Point-Rechnungsbuch nachzugehen. Ein Bildungssystem, das auf Effizienz setzt, auf Leistungsmaximierung, ein solches System will nicht gesund erscheinen. Made in Denkfabrik wird wohl bald auf den Bewerbungsunterlagen zukünftiger Akademiker stehen. Wenn da mal nicht der Wurm drin ist …

Am Eingangsportal der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg steht in dünnen Lettern der Wahlspruch „Dem lebendigen Geist“ geschrieben. Zur Zeit der geistigen Barbarei der Faschisten ersetzte man ihn. Fortan sollte dem „Deutschen Geist“ das Streben gewidmet sein.

Das ist Geschichte. Aber vielleicht sollten wir heute ehrlich sein und es ebenfalls ein wenig abändern, denn das Ideal scheinen wir heute anders zu definieren.

„Dem produktiven Geist“ für eine begrenzte, karriereorientierte Studentenjugend. Vorbei die Zeiten, als noch nichts nötiger als das Unnötige schien.

4 Kommentare zu “Made in Denkfabrik”

  1. am 18. Dez 2009 um 14:02 Flug Australien

    Als Student fühlt man sich wirklich wie ein Angestellter mit einer 50 Stunden Woche. Ich könnte auch 70 Stunden arbeiten wenn ich nicht einfach Feierabend machen würde. Ich finde, dass die Universität kein Unternehmen sein, dass gewinnbringend orientiert ist! Es sollte Raum zum Lernen und Leben vorhanden sein!

  2. am 10. Jan 2010 um 11:13 Beate Schöttke-Penke

    Als Mutter eines Studierenden bin ich natürlich interessiert daran, dass das Kind “in die Spur” kommt, soll natürlich auch heißen, dass es nicht ewig studiert. Vielen Dank deshalb an die eindrückliche Erinnerung, was Studieren eigentlich bedeutet und dass ein wirkliches Einlassen auf das Fach eben seine Zeit braucht und dass die Gesellschaft nur dann wirklich von ihren Studenten profitiert, wenn diese ihren Geist auch wirklich frei entfalten und entwickeln dürfen.

  3. am 22. Jan 2010 um 10:13 Pillendreher

    Danke für den fantastischen Artikel. Ich war letzte Woche bereits einmal auf dem Blog hier. Mal sehen, vielleicht weist mich die große Suchmaschine ja noch einmal hier zu dir.

  4. am 23. Feb 2010 um 19:32 Cure Flu

    very nice work.

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