Schaf oder Nichtschaf … das ist hier die Frage!
2. Februar 2010 von michel
Die Philosophie ist eine der ältesten Wissenschaften, wenn nicht gar die Älteste. Seit der Antike grübeln, nörgeln und fragen einige wenige Auserkorne nach Dingen, über die kein Mensch zuvor nachgedacht hat. Zumindest scheint es so. In Wirklichkeit hingegen haben sich die Fragen nicht großartig seit Sokrates, Platon und Anaximander verändert. Einige sind hinzugekommen. Wenige sind geklärt worden. Eine, die in der letzten Zeit auftauchte, ist die, nach der Natur der Philosophiestudenten.
Vor einiger Zeit las ich die wenigen Zeilen eines Ehemaligen, der seine einstigen Kommilitonen als eine Gruppe von Menschen beschrieb, die auf engstem Raum zusammenhockten und sich gegenseitig zu beweisen suchten, dass sie etwas wüssten. Das ist nicht fernab der Wahrheit. Philosophiestudenten sind aus Überzeugung immer anderer Meinungen. Das gebietet ihr Ruf. Dennoch scheint es, als würde man der Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinung damit nicht gerecht. Des Einen Überzeugung ist dem Anderen Spott. Beobachtungen haben gezeigt, dass man jedoch gewisse Idealtypen abgrenzen kann, die sich nach Äußerem, Haltung und Revierverhalten klar von einander unterschieden.
So gibt es den Theologiephilosophen, dessen eine Hand stets krampfhaft Kants Kritik der reinen Vernunft umklammert hält. Denn dieses Werk verkündet ihm die allein selig machende Wahrheit. Er ist immer fähig und willens jeden Diskussionspartner mit Kants konstruiert gedrechselten Thesen die Wahrheit ins Gehirn zu hämmern, um dann mit einem zufriedenen Grinsen und den Worten: „Ich sagte es doch!“ über den niedergerungenen Feind hinweg zu steigen. Im Grunde hat er den falschen Kurs gewählt. In einem Bachelorgemisch aus Theologie und Jura würde er Spitzennoten schreiben, wenngleich sein Professor ihn bremsen müsste, nicht gleich den von ihm geleiteten Kurs zu übernehmen.
Ferner gibt es den Studenten, der eigentlich lieber International drug designment studieren würde. Dies aber aufgrund der aktuellen strafrechtlichen Lage nicht darf und somit zu der Wissenschaft zu gehören glaubt, die am ehesten Bewusstseinserweiterung als positiven Akt des Denkens akzeptieren könnte. Sein Hörsaal ist der Gemeinschaftraum des Seminars, wo er über die unerträgliche Leichtigkeit des Seins fabuliert.
Dann haben wir da den wahrscheinlich attraktivsten der Denker. Den, der denkt, dass zwischen wilden Haaren und Genie eine kausale Beziehung existiere. Wie Einstein, Marx und Nietzsche glänzt er mit einer furiosen, selbstvergessen wirkenden Frisur. Wer meint, dies geschähe aufgrund eines Geistes, der sich in höhere, weniger profane Sphären zurückgezogen habe, der irrt. An seiner Haartracht zeigt sich des Studenten wahre Begabung.
Auch kreuzt eine besondere Art von Student stets zur vollen Stunde, und somit fünfzehn Minuten zu früh, auf. Der Staatsrechtler, der – aus aufrechtem Interesse und moralischen Gewissensbissen – neben Jura auch einen Blick in die Rechtsphilosophie werfen will. Eines Tages wird er sich zwischen Recht oder Gerechtigkeit entscheiden müssen. Doch bis dahin quält er sich mit Kants Vorstellungen eines vollkommenen Weltbürgerrechts, wohl wissend, dass selbst der große Denker diese für unrealistisch hielt. Er ist ein Träumer, der meint, dass, sollte der Mensch sich eines Tages nur noch an das Recht halten, die Welt eine bessere, die Beste, wäre. Ob er erkennen wird, dass er den Traum eines Totalismus träumt, ist mehr als fraglich.
Weiterhin soll der Sprachphilosophiestudent erwähnt werden. Er ist der Horror eines jeden Professors. Er legt jedes Wort auf die Diamantwaage. Er vermag jede Frage als sprachlich vages Gebilde zu enttarnen und sinniert am liebsten über den fundamentalen Unterschieden zwischen den Antipoden „scheinbar“ und „anscheinend“. Zum Germanisten fehlt ihm die Fähigkeit fünf Wörter hintereinander zu reihen ohne anschließend eine Stunde über ihnen zu brüten. Zum Philosophen das Talent.
Nicht zuletzt haben wir den Lehramtsphilosophiestudenten. Er lebt in natürlicher Feindschaft zum Rest der Studenten, denn seine Einstellung zur höchsten Wissenschaft, der Königin schlechthin ist die, dass „er das ja nicht begreifen müsste. Dat müsse er nur unterrichten.“ Diese Verachtung, mit der er die Krone des menschlichen Schaffens straft, ist unverzeihlich. Kein ernsthafter Vertreter der angeführten Kategorien eins bis fünf kann nach dem obligatorischen „… und was studierst du?“ noch ein vorurteilsfreies Wort mit ihm wechseln.
Schließlich haben wir den Studenten höherer Semester, der sowohl Descartes, Kant als auch Hegel kennen und fürchten gelernt hat und nun gar nichts mehr weiß. Der zerstörerische Skeptizismus der großen Denker hat seinen nicht ganz so schillernden Geist überfordert und unrettbar beschädigt. Tod oder Leben, Wissen oder Hoffen, Jetzt oder Nie, wo ist da noch der Unterschied. Sein oder Nichtssein, das ist für ihn keine Frage mehr. Alles ist relativ und was heute wahr, ist es vielleicht morgen auch. Ob aus diesem Verirrten auf See eines Tages doch noch ein kontemplativer Geist werden wird, hängt eigentlich nur von einer Sache ab. Die, das ein jeder Philosoph eines Tages erkennen muss, dass er es nicht vermag die Philosophie zu begreifen. Wenn, dann ergreift sie ihn. Ihm bleibt einzig das Staunen als angemessene Reaktion auf die Unglaublichkeit, an die wir uns gewöhnt haben.
Philosophiestudenten sind eine Herde blökender Schafe, von denen jedes versucht anders zu sein als das andere und doch im eigenen Fell gefangen bleibt. Sie sind meist sehr angenehme Zeitgenossen, werden jedoch selten auch in anderen Zeiten noch genossen.
Warum ich das Recht habe so über sie zu schreiben? Nun, ich bin zu meinem Schmach Teil der Herde.
Ich bin das Schwarze Schaf.
Ich bin anders!